Große Potenziale in der Energiebranche

Das Gütesiegel „Made in Germany“ hat in vielen Teilen der Welt noch einen hohen Stellenwert. Länder mit erfolgreicher Impfkampagne haben wirtschaftlich bessere Aussichten. Und es gab 2020 zwar weniger Insolvenzen als 2019, dafür aber mit deutlich höheren Schäden. Das sind nur drei Ergebnisse des Kongresses Länderrisiken, den der Kreditversicherer Coface organisiert hat. Auch die Lage einzelner Branchen in Deutschland wurde thematisiert.

Erster Gesprächspartner war Brexit-Experte Karl Martin Fischer von der German Trade and Invest GmbH (GTAI). Das Vereinigte Königreich biete deutschen Unternehmen auch nach dem Brexit große Chancen, so Fischer, „denn die Briten und besonders die britische Industrie legen nach wie vor großen Wert auf deutsche Wertarbeit.“ Potenziale böten darüber hinaus das Gesundheitssystem, in das die Regierung viel investiere, und die Energiewende. „Großbritannien ist ein sehr windreiches Land und beim Thema Windkraft kann die deutsche Industrie, die international führend ist, sehr hilfreich sein“, stellte Karl Martin Fischer fest. Aber: Dass der Brexit den Handel indes grenzüberschreitend komplizierter, teurer und langwieriger gemacht habe, ließe sich nicht abstreiten.

„Kein Freihändler“

Nächster Stopp: USA. Hier sprach Gregor Wolf, Mitglied der Hauptgeschäftsführung beim Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) in Berlin zunächst über die wirtschaftlichen Nachwehen der Ära Trump und kommentierte im Anschluss die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten unter Präsident Joe Biden: „Die aktuelle transatlantische Zusammenarbeit mit der Biden-Regierung ist gut. Der Ton hat sich geändert. Aber: Biden selbst ist kein Freihändler.” Angesprochen auf die Rolle Deutschlands, das sowohl von den USA als auch von China wirtschaftlich abhängig ist, sagte Wolf, man müsse aufpassen, dass man sich nicht instrumentalisieren lasse, sondern sich stattdessen selbstbewusst positioniere. „Eine Loslösung, also zu sagen, wir konzentrieren uns alleine auf die USA oder auf China, wäre eine extrem teure Entscheidung und dementsprechend nicht im Sinne Deutschlands”, so Gregor Wolf.

Qualität statt Quantität

Live aus St. Petersburg berichtete Boris Wittkowski, Geschäftsführer des Informationszentrums der Deutschen Wirtschaft, über die Perspektiven deutscher Unternehmen in Russland. Auch in Russland habe das Qualitätssiegel „Made in Germany“ einen hohen Stellenwert – man beobachte jedoch einen rückläufigen Trend bei den Engagements deutscher Unternehmen in Russland. „Allerdings wird diese zurückgehende Quantität durch eine steigende Qualität kompensiert“, erklärte der Russland-Experte. Als größter ausländischer Wirtschaftsverband habe die AHK aktuell rund 1.000 Mitglieder. Und wie hat Corona die Zusammenarbeit mit Russland beeinflusst? „Es gab im Tagesgeschäft Probleme bei der Einreise, große Rubelschwankungen und Absatz- und Nachfragerückgänge“, erklärte Boris Wittkowski.

Pragmatische Krisenbewältigung

Live aus China zugeschaltet wurde Peter Tichauer, Leiter Presse & PR beim deutsch-chinesischen Ökopark Qingdao und Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins „China insight“. Die Frage, wohin China steuere, werde beim Blick auf den 14. Fünfjahresplan deutlich. „China will innovativer werden, die Technologie stärken, die Industrie modernisieren – aber sich auch im Bereich Nachhaltigkeit und Erneuerbare Energien weiterentwickeln”, berichtete der China-Experte. Dies seien Bereiche, in denen er auch für deutsche Unternehmen gute Möglichkeiten sehe, um sich zu beteiligen. China als Wettbewerber auszuschalten, werde nicht gelingen, „denn wenn das Land von Chip-Lieferungen abgeschnitten wird, entwickelt es eben eigene Chips.” Letzte Frage: „Was kann Europa von China lernen?” Hier lobte Peter Tichauer die Krisenbewältigungsstrategie der Chinesen: „Mit Blick auf den Umgang mit der Pandemie wird deutlich, dass in Deutschland nur zögerlich entschieden wird. Ständig müssen neue Verordnungen verabschiedet werden. Wenn China etwas erkennt, das notwendig ist, wird das pragmatisch und mit Disziplin und Konsequenz auch durchgesetzt.”

Schnelles Impfen

Einen Blick auf die Risikoweltkarte warf Coface-Volkswirtin Christiane von Berg. Sie stellte die neuesten Länder- und Branchenrisikobewertungen vor, die Coface vierteljährlich aktualisiert. Bei den Länderrisiken gibt es insgesamt fünf Nationen, deren Bewertung verbessert wurde. Diese Aufwertungen seien hauptsächlich auf erfolgreiche Impfkampagnen zurückzuführen, so von Berg. Den Großmächten China und USA bescheinigte die Volkswirtin große Fortschritte auf dem Weg zurück zu vorkrisenähnlicher Wirtschaftsstärke, während die Erholung in Deutschland aktuell noch etwas hinterherhinke. Aber es gebe auch positive Signale: „Gerade im Verarbeitenden Gewerbe ist die Auftragslage gut – weil es für unsere großen Exportpartner wie China oder die Vereinigten Staaten aufwärtsgeht.“

Mehr Bedarf an Kartonagen

Auch die aktuellen Branchenrisikoeinschätzungen stellte Christiane von Berg vor. In Deutschland wurden die Bewertungen für die Pharma-, die Papier- und die Metall-Branche angehoben. Der Ausblick für die Pharmaindustrie habe sich aufgehellt, weil im aktuellen Lockdown Arztbesuche seltener aufgeschoben werden, „dadurch hat sich die Medikamentennachfrage normalisiert.“ Dass der Papiersektor im Aufschwung sei, „sehe ich Tag für Tag beim Blick in meine Papiertonne“, bekannte die Volkswirtin. Die Branche profitiere von der Verpackungsindustrie und deren Nachfrage nach Kartonagen und nicht zuletzt von der Nachfrage nach medizinischen Produkten wie Masken. „Die Metall-Branche profitiert vor allem von der Belebung des Maschinenbaus und des globalen Automobilmarktes. Die Auftragseingänge sind stark, die Produktion wegen der Rohstoffknappheit derzeit noch nicht“, erklärte Christiane von Berg.

Insolvenzen

Mit Blick auf die Insolvenzzahlen stellte die Volkswirtin abschließend fest: „Es gab 2020 zwar nicht viele Insolvenzen, aber die, die es gab, hatten es in sich.“ Das Statistische Bundesamt rechne mit einem Schaden von 44,1 Milliarden Euro – der höchste Wert seit 2009 und ein Anstieg um 65 % zum Vorjahr. „Das ist eine ordentliche Hausnummer und zeigt: Wir sind noch lange nicht fertig mit dieser Krise.“